„Da hast Du zu viel gewollt“

Die Augsburger Radprofis Willy Singer (74) und Georg Zimmermann (26) zu Gast im Georgenkeller des Augsburger Presseclubs

Beide kommen sie vom Lande, haben als bayerische Buben zunächst – wie üblich – Fußball gespielt, bevor sie begannen, Rad zu fahren. Denn, so Willy Singer und Georg Zimmermann übereinstimmend, ihr Ehrgeiz sei doch größer gewesen als der mancher Kicker-Mannschaftskameraden. Im Abstand von rund 40 Jahren landeten sowohl der heute 74-jährige Singer als auch der 26-jährige Zimmermann beim Profi-Radsport. Für beide fraglos eine richtige Entscheidung, haben es doch beide bis ins Ziel der Tour de France geschafft, quasi der Ritterschlag für jeden Radsportler. Jetzt berichteten die beiden im voll besetzten Gewölbekeller des Augsburger Presseclubs unter Moderation von AZ-Sportredakteur Robert Götz von ihren Erlebnissen auf den Rennstrecken und Bergpässen der Welt.

Noch ganz frisch waren die Erinnerungen von Georg Zimmermann, der gerade am Vortag von einer Reise zu drei Rennen in Australien zurückgekehrt war. Dabei erreichte er als Drittplatzierter im Zielsprint beim „Cadel Evans Great Ocean Road Race“ das Podium bei einem Rennen der sogenannten WorldTour. Dass man als Rennradler weit herumkommt, ist keine neue Entwicklung, so Willy Singer. Er erinnerte an seine WM-Teilnahme 1974 im kanadischen Montreal oder an ein Weltmeisterschaftsrennen 1977 in Venezuela, bei dem es, so Singer, nicht weniger als sechs Mal zu regnen begonnen und gleich darauf wieder auf über 30 Grad aufgeklart habe. Ein bisschen unorthodox klang Willi Singers Weg in den Profi-Radsport, vergleicht man ihn mit jenem über ein modernes Agentur-System, welchem Georg Zimmermann angeschlossen ist. Singer kam Mitte der 1970er Jahre zu dem italienischen Bianci-Rennstall. Deswegen, weil diese Fahrradfirma damals in Augsburg ihre Deutschland-Repräsentanz hatte. Ein Glücksgriff für Singer, denn vergleichbare deutsche Rennställe habe es damals nicht gegeben. Dass er schon in den Folgejahren – als einziger Deutscher in seiner Mannschaft – bei den großen Rundfahrten Giro d Italia und Tour de France antreten durfte, sei dem Wunsch von Teamchef Felice Gimondi geschuldet gewesen, der den gebürtigen Heimertinger als Helfer habe haben wollen. Damals, so Singer, hatte die Aufgabe des „Wasserträgers“ tatsächlich ihre Schrecken gehabt, denn moderne Kommunikation mittels Mobilfunk unter den Radlern und den Betreuern gab es noch nicht. Die Lösung: Helfer wie er mussten sich bis zum Mannschaftswagen hinter dem Pulk der Radsportler zurückfallen lassen, mussten dort abholen, was die „Chefs“ auf den Rädern gewünscht hatten – im Falle Gimondis war dessen Vorliebe für Fanta-Limonade bekannt – und mussten sich dann mit ihrer Fracht wieder bis ganz vorne im Feld vorarbeiten, um abliefern zu können. Nicht nur, aber immer wieder mit Helferaufgaben sieht sich auch Georg Zimmermann in seinem derzeitigen Team „Intermarche“ beauftragt. Eine davon sei es, dem Sprintstar Biniam Girmay bei Massenankünften eine gute Ausgangsposition für die letzten paar hundert Rennmeter in Topspeed zu verschaffen. Oder es gehe darum, Co-Teamchef Louis Meintjes bei Bergetappen zu begleiten und zu assistieren. Dann und wann ergebe es sich aber auch, so Zimmermann, dass er selbst zum Zuge komme, so wie zuletzt in Australien, als er quasi freie Fahrt bekommen habe, weil Kollege Girmay den Anschluss an die erste Gruppe nicht mehr rechtzeitig schaffte. Oder wie vor Jahresfrist, als Zimmermann beinahe sei erster Tour-de-France-Etappensieg gelungen wäre. „Da hast Du zu viel gewollt“, analysierte Willy Singer jetzt den Versuch seines jungen Kollegen, diese Etappe unbedingt zu gewinnen. Auch Zimmermann selbst diagnostizierte, dass er im Juli 2023 einfach zu früh eine Entscheidung zu seinen Gunsten habe herbeiführen wollen. Im Schlussspurt habe er nicht mehr genügend Kraftreserven gehabt, sich übersprinten lassen und mit Platz 2 begnügen müssen. Allzu viele Chancen auf einen Tour-Etappensieg sollte er nicht mehr verstreichen lassen, so Zimmermann nachdenklich, aber ein paar Jahre blieben ihm ja noch für das große Ziel. Immerhin, so der 26-Jährige, sei er im Vorjahr verletzungsfrei geblieben, wohingegen er bei seinem ersten Tour-Start im Jahr 2021 gleich zu Anfang bei einem Massensturz einen komplizierten Handbruch erlitten habe, der ihn zehn Tage lang deutlich behindert hatte. Für Willy Singer ergab sich nach eigenen Worten bei seiner Tour-Teilnahme im Jahr 1977, jenem Jahr, in dem auch Didi Thurau debütierte und 14 Tage das gelbe Trikot trug, nach der schweren Alpenetappe nach Alpe d Huez eine besondere Situation: Denn nur drei Fahrer aus seinem Team erreichten innerhalb des Zeitlimits das Ziel, sechs Kollegen mussten die Tour verlassen. So habe er sich, so Singer, schließlich relativ sorgenfrei bis ins Ziel nach Paris durcharbeiten können.

Den Beschreibungen sowohl Singers als auch Zimmermanns war zu entnehmen, unter welchen Voraussetzungen große Länderrundfahrten wie Tour, Giro oder Vuleta stehen, je nach dem, ob man Top-Fahrer und „Chef“ eines Rennstalls ist, ob man dem Mittelbau angehört oder ob man der klassische „Helfer“ ist.

Aus dem Publikum gefragt nach dem Thema Doping warteten sowohl Singer als auch Zimmermann mit Antworten auf, gemäß derer der Radsport nie den Ruf als Doping-Veranstaltung hätte erlangen dürfen, mit der er immer wieder für Negativ-Schlagzeilen sorgte. Verbotene Medikamente zur Leistungssteigerung einzunehmen könne sich niemand mehr leisten. Zu groß sei die Gefahr, entdeckt zu werden, den Job zu verlieren, in Regress genommen und bestraft zu werden. Jeden Tag melde er der nationalen Dopingagentur, wo er schlafe, so Zimmermann, um jederzeit für unangekündigte Kontrollen erreichbar zu sein. Zur Wahrheit gehöre gleichwohl auch, dass es menschlich sei, sich einen Vorteil verschaffen zu wollen, weswegen man wohl nie für alle Leistungssportler die Hand ins Feuer legen könne.

Dass Georg Zimmermann, der mitten im Fahrbetrieb steckt, neben der reinen Kollegialität auch Freundschaften zu Radler-Kollegen pflegt – er nannte neben anderen seinen Augsburger Kollegen Marco Brenner – liegt nahe. Aber selbst Willy Singer hat nach eigenen Worten bis heute Kontakt zu Sportkameraden aus seiner aktiven Zeit. Relativ ähnliche Vorstellungen äußerten die beiden Profis über ihr Karriereende. Bei Singer liegt dieser Schritt bereits über 40 Jahre zurück, mit 31 Jahren hatte er sich von sich aus aus dem Profizirkus zurückgezogen. Es seien die vielen Reisen, das dauernde Leben aus dem Koffer gewesen, das er nicht mehr habe führen wollen. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere hatte der Augsburger einen Fahrradladen in der Bäckergasse eröffnet, den er bis heute betreibt. Freilich stehe für ihn, so Georg Zimmermann, derzeit der aktuelle Sport im Fokus, nicht zuletzt hoffe er ein bisschen, den zweiten verbliebenen Platz neben Lennard Kämna als Starter bei den Olympischen Spielen in Paris ergattern zu können. Nach dem Ende seiner Profilaufbahn plane auch er anderes als weiter im Radzirkus zu bleiben – von wegen Reisestress. Zimmermann steckt deswegen, soweit es der Rennkalender zulässt, in der Vorbereitung für seinen Studienabschluss „International-Management“.

Michael Siegel


Fotos: Klaus Rainer Krieger