Podiumsgespräch mit dem Unternehmer und Berater Michael Brecht über Gründergeist und Startup-Kultur allgemein und in der Region

„Wir hängen nach“

27. 06. 2017

Gründergeist, Startup - was ist das, wie funktioniert so etwas und wie sieht es damit in Bayerisch Schwaben aus? Diesen Fragen ging der Augsburger Presseclub nach.

Unter welchen Voraussetzungen Startups erfolgreich sein können, welche digitalen Trends angesagt sind und warum (Elektro)Mobilität ein Zukunftsmodell ist – diese und ähnliche Themen besprach Moderatorin Sandra Strüwing (stellvertretende Vorsitzende des Presseclubs und Chefin von candid communications) mit Michael Brecht. Brecht ist Experte für digitale Innovationen und Transformationen, Blogger, selbst Unternehmer, Berater und anderes mehr. Er arbeitete in den vergangenen 20 Jahren in verschiedenen Führungspositionen in der IT und in neuen Medien. In den vergangenen drei Jahren war er CEO (geschäftsführendes Vorstandsmitglied) des Online-Terminplaners Doodle und trieb dort die Internationalisierung voran. Jetzt hat sich Brecht mit seiner Familie in Augsburg niedergelassen. Von hier aus begleitet er Startups bei der Gründung und mittelständische Unternehmen bei der digitalen Transformation. Er ist unter anderem Jury-Mitglied im „Hörsaal der Löwen“ der Hochschule Augsburg, wo Studierende ihre Geschäftsideen präsentieren.

Gleichsam ein Wiedersehen mit seiner Vergangenheit gab es für Brecht beim Veranstaltungsort – der Empfangshalle der Kreissparkasse Augsburg. Denn Brecht (nach eigenen Worten nicht verwandt mit dem bekannten Augsburger Dichter Bertolt Brecht) hatte seine Berufslaufbahn mit einer Ausbildung bei der Deutschen Bank begonnen. Ausgangspunkt für seine späteren beruflichen Aktivitäten sei sein Studium an der „WHU – Otto Beisheim School of Management“ bei Koblenz gewesen (die Abkürzung WHU steht für Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung).

Von hier aus sei er, so Brecht eher ungeplant bei CompuNet, einer Gründung des Unternehmers Jost Stollmann, gelandet, wo er geschäftsführender Gesellschafter wurde. „Für mich deswegen eine richtige Entscheidung, weil ich hier auf eine außerordentlich spannende Persönlichkeit traf“ (1998 gehörte Stollmann zum sogenannten Schattenkabinett des SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder), von der er habe sehr viel lernen und mitnehmen können, so Brecht vor dem Presseclub. Gründer könne man nicht lernen, man müsse Etwas mitbekommen haben, so sein Credo, man könne aber an den richtigen Stellen viel mitnehmen. Mit „urbia“ dem größten deutschen Familienportal und „52 Weine – Shoppingclub für Weine“ wurden zwei Gründungen Brechts genannt, die inzwischen in anderen Händen sind.

Eine wichtige Rolle für seine berufliche Entwicklung maß Brecht seiner Zeit bei Doodle in der Schweiz bei. Bei der „führenden globalen Online-Scheduling-Plattform“ wirkte er als Geschäftsführender Vorstand. Spätestens hier hatte er als „gelernter Nicht-IT`ler“ wichtige Einblicke in Sachen Digitalisierung erhalten. Ein entscheidendes Thema für ihn dort und für viele Gründer sei das des sogenannten „Onboarding“, der zügigen Integration neuer Mitarbeiter in das Unternehmen gewesen. Überhaupt, so Brecht, beobachte er, dass es gar nicht so sehr die allerersten Schritte bei der Gründung eines Unternehmens seien, die Probleme nach sich zögen. Der Gründungsphase folge die Integrationsphase, in der es gelte, ein Unternehmen am Markt, bei den Kunden, bei den Investoren gleichsam zu etablieren und zu stabilisieren. Hier gehe nach seiner Erfahrung am meisten schief. Auch in Deutschland sei dies immer wieder eine Schwierigkeit: „Wir können wir den nächsten Schritt, die Growth Phase, nicht recht mitgehen. Wir müssen in Deutschland die Mittelphase besser hinkriegen, damit die Gründer nicht ins Ausland abwandern, weil es dort mehr oder überhaupt Gründergeld gibt.“

Anhand eines von ihm mit Spannung beobachteten Projekts aus dem Medienbereich, dem in der Schweiz geplanten Online-Magazin „Die Republik“, widmete sich Brecht der Frage nach neuen Geschäftsmodellen im Medienbereich. Hier sei eine klare Fokussierung auf werbebasierte Projekte zu erkennen. Er glaube, einen Trend hin zu Bewegtbildern, also Videos, erkennen zu können. Das Problem für Qualitätsjournalismus dieser Tage: Der Endkunde, Nutzer akquiriere beispielsweise in den Social-Media-Plattformen seine Themengebiete und Interessenschwerpunkte selbst.

Und wie sieht die Sache in der Region aus? Es gebe auf der Startebene diverse Hilfsmittel in Bayern, so Brecht. Aber: „In Augsburg und Schwaben hängen wir nach, was Startup-Kultur anbelangt.“ Und das, obwohl Augsburg 26.000 hervorragende Studenten und Hochschüler habe. Aber die meisten gingen zum Gründen weg, nach München, Garching, Berlin. „Die Infrastruktur haben wir hier auch, Hochschulen und Kammern kümmern sich“, Brecht konnte keine klare Ursache für seine kritische Diagnose benennen. Der „Spirit“ sei in München und vor allem in Berlin größer, es gebe eine bessere Vernetzung.

Gute Chancen im Bereich Mobility sieht Brecht für die Region Augsburg – Bayrisch Schwaben, gelegen im Zentrum zwischen Mercedes in Stuttgart, Audi in Ingolstadt und BMW in München. Ein Beispiel dafür, dass es nicht der unmittelbare Fahrzeugbau sein müsse, biete das Unternehmen Sortimo, das seit Langem in diesem Umfeld erfolgreich sei. Eine Fahrrad-Autobahn in der Stadt, Sharing-Modelle für Autos oder Scooter, „wie kann ich die Ströme von Waren und Menschen besser bewältigen?“ - über solche Dinge gelte es, sich Gedanken zu machen.

Nach dem „offiziellen“ Teil schloss sich eine Fragerunde an. Dabei hob Brecht die Vorzüge eines sogenannten Alumni-Netzwerks aus ehemaligen Universitätsabsolventen hervor. Das sei an seiner ehemaligen Schule, der WHU, sehr gut etabliert. Ein Student hatte beklagt, dass sich die Uni Augsburg gegen Gründungen sträube, weil es dafür keine Urlaubssemester gebe und man so etwas studienbegleitend machen müsse. Brechts Warnung: An der Qualität von Uni und Hochschule in Augsburg liege es nicht, aber wenn es für Gründer Schwierigkeiten gebe, „dann geht man eben da hin, wo es einfacher ist“.

Gastgeber Richard Frank, Vorstand der Kreissparkasse, trat dem Eindruck entgegen, „dass wir nur etwas im Hause machen“. Die Sparkassen hätten eigene Fördermittelberater, seien in Netzwerken integriert, seien vielschichtig aktiv. Vielleicht, so Brechts Prognose, ändere sich ja etwas am Umfeld für Gründer in der Region, wenn hier die ersten erfolgreichen Startups wiederum in künftige Startups investierten.

Michael Siegel