Die Zukunft des Radios: Club-Gespräch mit BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner

Die journalistische Schlagkraft erhöhen

14. 10. 2015

Seit Jahren ist die Medienlandschaft in einem tiefgreifenden Umbruch, und seit Jahren begleitet der Augsburger Presseclub diese Entwicklung mit Diskussionsveranstaltungen. Internet, soziale Netzwerke, neue Techniken führen zu geändertem Nutzerverhalten. Dass auch eine Institution wie der beitragsfinanzierte Bayerische Rundfunk (BR) davon nicht unberührt bleibt, zeigte die Presseclub-Veranstaltung mit Martin Wagner, dem Hörfunkdirektor des BR. Die Moderation im Georgenkeller hatte Marion Buk-Kluger.

Wie er den Wandel denn erlebe als jemand, der noch die gute alte Radiozeit erfahren hatte, wollte Buk-Kluger von Wagner wissen. Der stellte fest, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seit 2009 ohne Beitragserhöhung und somit mit weniger Geld auskommen müsse. Weniger zu verteilen, sei für niemanden angenehm, auch für ihn nicht. Wagner nannte das bekannte Einsparprojekt, dass der BR seinen Produktionsbetrieb Fernsehen in zehn Jahren um 450 Stellen verkleinern und 45 Prozent der Stellen streichen wolle.

Er bekräftigte, dass sich die Massenprogramme des BR, Bayern 1 und Bayern 3, trotz Sparzwängen erheblich von den Angeboten privater Sender unterscheiden. Deutlich werde dies vor allem durch die regelmäßige Ausstrahlung von regionalen Nachrichten und aktuellen Informationen. „Wir senden in unseren Programmen Inhalte“, so Wagner, „nur Musik wird es beim BR nicht geben. Wir sind der Überzeugung, dass die Inhalte für die Menschen notwendig sind. Wir sind ein Inhalte-Haus, stehen aber vor der Frage: Wie verteilen wir unsere Inhalte“. Noch herrsche lineare Nutzung vor, aber wo es hingeht, wie man künftig an die Menschen komme, müsse sich zeigen.

Es gelte mehr denn je, die Programme für die Hörer passend zu gestalten – zeitlich, örtlich und auf das Gerät bezogen. Auch der BR müsse auf die Smartphones kommen, so Wagner, ein Verbreitungsweg, der gerade von jungen Leuten sehr stark genutzt werde. Gelingen solle dies beispielsweise mit der BR24-App für Smartphones, die sehr erfolgreich gestartet sei.

Schon seit einiger Zeit fährt der BR auch eine Multiplattformstrategie im Internet, ist mit seinen Inhalten bei Spotify dabei, ebenso im itunes-Store. Was daraus werde, sei noch schwer abzusehen, hier müsse man „ausprobieren“, so der Programmdirektor. „Wir erhoffen uns Aufschluss darüber, welche Inhalte wie angenommen werden.“ Ziel sei es insgesamt, BR-Inhalte neuen Zielgruppen zuzuführen.

Für die Medienschaffenden beim BR dreht sich derzeit vieles um den Begriff der Trimedialität. Dabei, so Wagner, würden Hörfunk, Fernsehen und Internet näher zusammengebracht. Schon rein örtlich, indem wie im Studio Franken alle Mitarbeiter auf einem Gelände zusammensitzen, ein Modell, das in ähnlicher Form auch an anderen Standorten des BR praktiziert werden solle. So ist in München ein neues Aktualitätenzentrum in Freimann geplant (angestrebter Baubeginn Ende 2017), wo Fernseh-, Hörfunk- und Onlineredaktionen des Bayerischen Rundfunks, bislang auf drei Standorte verteilt, künftig an einem Ort zusammenwirken.

Es sei ja nicht so ungewöhnlich, dass bislang drei BR-Leute beim selben Landrat angerufen und dieselben Fragen gestellt hätten, fürs Radio, fürs Fernsehen, für den Internetauftritt. Er sehe noch viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit, so Wagner, wo freilich auch ein Sparpotenzial zu heben sei. Man müsse gegen die Verschleuderung von Ressourcen arbeiten und die journalistische Schlagkraft erhöhen. „Vertiefung ist für uns das ganz Entscheidende“, so Wagner. Nachrichten könne heute jeder – etwa über twitter - verbreiten. „Wir müssen mehr bieten und wir können in der Regel mehr bieten“, zeigte sich der Hörfunkdirektor mit Blick auf das engmaschige Korrespondentennetz des BR überzeugt. Ein Ziel für die Radio-Zukunft sei es, mehr aus den Regionen im Gesamtprogramm des BR zu senden. „Wir sehen uns als Klammer des Freistaates“.

Knapp 60 Cent am Tag für sämtliche Programme und Inhalte zu bezahlen, so rechnete Wagner mit Blick auf den Rundfunkbeitrag vor, das sei für niemanden zu viel. Die verfassungsmäßige Festschreibung einer Rundfunk-Beitragspflicht für jeden Haushalt bedeute für die Sender aber auch, dass für alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten Programm zu machen sei. Man dürfe sich nicht auf einzelne Zielgruppen fokussieren. „Wir wissen, was unser Auftrag ist, wir werden von der gesamten Gesellschaft bezahlt, wir müssen jeden bedienen“, so der Hörfunkdirektor. „Die Menschen in Bayern wachen mit uns auf, noch stehen wir mit dem Radio gut da“, so sein Fazit.

Für die nächste Zeit kündigte Wagner eine Veränderung für den Sitz der Schwaben-Redaktion in Augsburg an. Diese bezieht Ende 2016 neue, erweiterte Räume am bisherigen Standort Fuggerstadtcenter am Hauptbahnhof. Dann möchte man noch näher dran sein an den Hörern. Und wenn es auch beim schwäbischen Programmvolumen zunächst noch keine Änderungen geben soll, so ist doch vorgesehen, mehr Schwaben im Gesamtprogramm des BR zu senden.                                                

Michael Siegel

Zur Person

Martin Wagner wurde zum 1. Mai 2014 neuer Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks. 1954 in Würzburg geboren sammelte Wagner zunächst Erfahrungen im Printjournalismus, ehe er 1979 im BR-Regionalstudio Mainfranken in Würzburg als Redakteur anfing. Weitere Stationen führten ihn nach München in die Abteilung Zeitfunk, dann wurde Wagner 1989 Leiter des ARD-Hörfunkstudios Tel Aviv. Nach einer Zwischenstation im Funkhaus in München ging es für ihn als Leiter des BR-Hörfunk-Gruppenstudios nach Washington. 2006 wurde Wagner stellvertretender Leiter der Abteilung ‚Nachrichten und Verkehr‘ im Hörfunk, ehe er 2008 die Leitung der der Redaktion ‚Politik, Studios Berlin und Ausland‘ übernahm. Seit 2009 war Wagner Leiter des Studio Franken. In seine Verantwortung fallen die Programmbereiche Bayern 1, Bayern 2, Bayern 3 und BR-Klassik sowie die Klangkörper des Bayerischen Rundfunks.

pm

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