Podiumsgespräch mit Dr. Stephan Eisel, Autor, Blogger, Projektleiter in der Konrad-Adenauer-Stiftung

„Nur wer viel Zeit hat, ist im Internet aktiv“

26. 10. 2015

Wenn das kein Trost ist für alle Anhänger des klassischen Journalismus: Politische Meldungen auf YouTube, Twitter & Co. entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn sie vom Fernsehen oder den großen Zeitungen aufgegriffen werden. Der das sagt, ist Dr. Stephan Eisel, (Mit)Betreiber mehrerer Internet-Bloggs und (kritischer) Autor von Büchern über das Verhältnis von neuen Medien und politischem Einfluss. Eisel, von 2007 bis 2009 zwei Jahre lang CDU-Bundestagsabgeordneter und aktuell Projektleiter bei der (CDU-nahen) Konrad-Adenauer-Stiftung war Gast im Augsburger Presseclub, um dort über Meinungsmacht und Internet zu sprechen. Das Gespräch mit dem 60-Jährigen, der in seinen jungen Jahren stellvertretender Leiter des Kanzlerbüros von Helmut Kohl war, moderierte Sandra Strüwing (candid communications), stellvertretende Vorsitzende des Presseclubs.

Ausgangspunkt des Abends war die Frage an Eisel nach seiner persönlichen Internet-Nutzung. Der in Bonn lebende Publizist bekannte, schon sehr früh von einem amerikanischen Freud mit dem Internet-Virus infiziert worden zu sein. Lange schon benutze er das Netz sehr intensiv, sei wenn möglich online. Eine von Eisels wichtigen Lehren dennoch: „Man muss die Grenzen des Internet kennen, um es vernünftig nützen zu können“. Für den Umgang mit seiner persönlichen Web-Site, seinem Facebook- und Twitter-Account wende er geschätzte 30 bis 45 Minuten täglich auf. Freilich käme weitere Zeit im Netz hinzu, wenn es etwa um Recherchen gehe. Eisel verriet aber auch, dass es Tricks gebe, mithilfe derer man das, was im eigenen Blog veröffentlicht werde, automatisch auch auf Facebook und Twitter erscheinen lassen könne. So lasse sich mit einem Vorgang dreifacher Nutzen erzielen. Etwa ähnlich lang wie mit dem Internet befasse er sich täglich mit konventionellen Medien. Wobei sich die Frage stelle, wie man es bewerte, wenn er die Frankfurter Allgemeine Zeitung online auf seinem Tablet lese.

Eine von Eisels Thesen in seinem Buch „Internet und Demokratie“ (2011): Das Internet ist wichtig, aber das Leben spielt sich nicht allein im Internet ab. Bis zu einem Drittel der erwachsenen Bevölkerung sei dauerhaft nicht am Internet interessiert, zitierte er aus einer Studie. Man spreche heute von einer „digitalen Spaltung“: Auf der einen Seite sind jene Mitmenschen, bei denen die Internetnutzung im beruflichen Alltag eine wichtige Rolle spiele, darunter auch Journalisten. Auf der anderen Seite sind jene - Busfahrer, Altenpfleger, Kindergärtnerinnen – die erst nach Dienstschluss zuhause vor der Frage stünden, jetzt ins Netz zu gehen oder doch lieber mit den Kindern zu spielen. Ob sich diese Spaltung aufheben ließe? Nein, meinte Eisel, dem stünden auch strukturelle Bedingungen entgegen: „Das Internet ist ein Forum der Zeitreichen: Nur wer viel Zeit hat, ist im Internet aktiv“. Das Internet sei heute vor allem ein Markt- und Spielplatz. Sein Metier, die politische Kommunikation, sei dort eher nachrangig, wie etwa die (geringe) Beteiligung bei Internet-Foren nach politischen Fernseh-Diskussionssendungen oder bei sogenannten Bürgerhaushalten verdeutliche. Ein anderes Problem laut Eisel: Der Schnelligkeitskult im Internet, „der schnelle Klick ist die gültige Währung im Netz“. Die Demokratie aber lebe vom Diskurs, von der Entschleunigung. (Ketzerische) Folge: „Das Internet ist eigentlich demokratieschädlich“.

Freilich sei das Internet vielfach hilfreich. Als Abgeordneter habe er das Netz auf unterschiedliche Weise genutzt, so Eisel. Es sei hierarchieunabhängig, helfe, Parteimitglieder oder Bürger ohne Umweg über Ortsverbände und ähnliche Institutionen, „ohne Filter“, direkt zu informieren. „Ich habe einen E-Mail-Verteiler aufgebaut, um so unmittelbar zu informieren“, bekannte Eisel nicht ohne zu relativieren „und erreichte dadurch 5000 von 220.000 Wahlberechtigten“.

Der Umgang mit elektronischen Medien sei naturgemäß unter den Abgeordneten sehr unterschiedlich. Was die Erfahrung lehre: Internet-Präsenz sei nicht deligierbar. Darum müsse man sich – so man das wolle – selbst bemühen, so der Abgeordnete Eisel. Etwas anderes sei es, wenn sich etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel auf YouTube interviewen lässt. Sich in Zusammenhänge begeben, die man ihnen nicht zugetraut hätte – das haben Kanzler, Minister immer wieder einmal gemacht. Norbert Blüm bei „Wetten dass..?“, die Kanzlerin im Youtube-Interview - das Medium war in solchen Fällen die eigentliche Nachricht.

Man könne durch YouTube neue Bereich erreichen, ein anderes Klientel, aber Eisel warnte vor Nutzerstatistiken und fragte: Wer hat das YouTube-Interview von Angela Merkel wirklich gesehen, wer kennt es vor allem aus den konventionellen Medien? Immer wieder würde dem Internet Wundersames beigemessen, was sich bei bei Lichte gesehen anders darstellt. Beispiel Barack Obama: Die besondere Leistung des amtierenden amerikanischen Präsidenten in seinem Wahlkampf sei das erfolgreiche Spendensammeln übers Internet gewesen. Die Wahlbeteiligung war seinerzeit nicht höher als zuvor üblich. Beispiel arabischer Frühling: In Ägypten habe es die meisten Demonstrationen just dann gegeben, als das Internet eine Woche abgeschaltet war.

Eisel berichtete auch von den negativen Seiten des Internets. Als er vor drei Jahren über über die Hacker von Anonymus geschrieben habe, sei er auf seinem eigenen Account bei Facebook immer wieder als Hitler dargestellt worden. Das Internet entkoppele teilweise den Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung. Und emotionale Aufladung beeinflusse eine rationale Diskussion.

Überraschend für viele der Zuhörer im Presseclub: Stephan Eisel hatte als Bundestagsabgeordneter 2007 für die (kürzlich erneut eingeführte) Vorratsdatenspeicherung gestimmt. Und: „Ich hätte es jetzt auch wieder getan“, sagte er, weil es viele Nachweise gegeben habe, dass nur durch die Vorratsdatenspeicherung terroristische Anschläge verhindert werden konnten. Freilich bedürfe es starker Sicherungen gegen Missbrauch. Gleichwohl sah sich Eisel mit seinen persönlichen Daten beim deutschen Staat weit besser aufgehoben als anderswo. Der staatliche Umgang mit Daten werde viel gründlicher überprüft als der von Unternehmen.

Dem Podiumsgespräch schloss sich eine intensive Diskussionsrunde an, bei der Eisel aus eigenem Erleben vor einer zu großen Wikipedia-Gläubigkeit warnte. Das Internet-Lexikon werde in Deutschland von rund 250 Administratoren gesteuert und sei sektenartig organisiert. So manches passiere dort unkontrolliert, ohne kritische öffentliche Begleitung. Alles was in Wikipedia politisch zu lesen ist, sei aus Nutzersicht mit großer Vorsicht zu genießen.

Im Zusammenhang mit dem erneuten Aufleben von PEGIDA-Demonstrationen befand Eisel, dass es bei vielen Bürgern eine Distanzierung vom politischen Bereich gebe, weil Parteien eine Tendenz haben, gleicher zu werden, um Wahlen zu gewinnen. Parteien seien zu sehr demoskopisch orientiert. Das Profil, die Unterscheidbarkeit sei zurückgegangen, das sei vor allem auch ein Problem seiner CDU.

Schließlich zeigte sich Eisel überzeugt, dass die klassischen Medien neben dem Internet eine gute Zukunft haben können. Ein Problem sieht er in der zunehmenden Medienkonzentration, vor allem im Bereich der regionalen Berichterstattung. „Monopolmedien sind wie Staatsanzeiger“, so Eisels Fazit. Um wie vieles sei es doch leichter, eine Nachricht im Internet zu verbreiten als sie im Generalanzeiger gedruckt zu bekommen.

Michael Siegel

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