Podiumsgespräch im Georgenkeller über Flucht und eine neue Heimat

Wie Augsburg mit seinen Asylbewerbern umgeht

24. 04. 2015

Sie kommen aus Eritrea und Somalia, aus Afghanistan oder dem Jemen, aus Syrien und dem Irak, aus Mali, Niger, Senegal... und sie kommen in immer größerer Zahl: Europa und dort vor allem Deutschland ist in diesen Wochen und Monaten das Ziel tausender von Flüchtlingen, die hier Schutz, ein Auskommen, Arbeit, Frieden suchen.

Zuvor steht für viele aber eine beschwerliche, teils lebensgefährliche Reise über tausende von Kilometern und übers Mittelmeer an. Nicht wenige der Flüchtlinge sind mehr oder weniger schwer traumatisiert ob der Vorkommnisse, die ihnen zugestoßen sind. Ist die Flucht geschafft, beginnt in Deutschland der nicht eben leichte weg durch die Instanzen, bis möglicherweise eine dauerhafte Bleibe erreicht ist. 1300 Flüchtlinge leben aktuell in der Stadt Augsburg, auf 2000 bis 3000 Personen könnte diese Zahl bis zum Jahresende steigen. Stadt und Regierung von Schwaben, die Gemeinschaftsunterkünfte bereitzustellen haben, stehen unter Druck. Wie geht die Stadt mit diesen Menschen um? Wie leben die Flüchtlinge in Augsburg und welche Perspektiven haben sie? Darüber sprachen auf dem Podium im Georgenkeller des Presseclubs Stefan Kiefer, Bürgermeister und Sozialreferent der Stadt Augsburg, der langjährige Flüchtlingsberater Matthias Schopf-Emrich (Diakonisches Werk, Tür an Tür) und der ugandische Journalist Moses Okile Ebokorait, ein ehemaliger Asylbewerber. Die Moderation hatte Alfred Schmidt (Augsburger Allgemeine).

Über ein sehr forderndes Aufgabengebiet, das zum Zeitpunkt seiner Wahl zum Augsburger Sozialreferenten und dritten Bürgermeister eigentlich nicht die ganz große Rolle spielte, berichtete Stefan Kiefer. Tagtäglich seien er und seine Mitarbeiter inzwischen damit beschäftigt, neue Unterkünfte für Flüchtlinge in Augsburg ausfindig zu machen. Seien es in der Stadt zurzeit rund 1300 Asylbewerber, könnte diese Zahl zum Jahresende Schätzungen zur Folge auf 2000 bis 3000 steigen. Schon länger habe sich die Suche nach Unterkünften von einer staatlichen auch zu einer städtischen Aufgabe entwickelt. Nicht weniger als fünf städtische Mitarbeiter sind damit beschäftigt, allen Angeboten nachzugehen. „Wir schauen uns alles an und suchen Geeignetes aus“, so Kiefer, der sich überzeugt zeigt, in einer Stadt mit 140.000 Wohneinheiten plus Gewerbe-Leerständen auch 3000 Flüchtlinge unterbringen zu können.

Ganz wichtig, so Kiefer, sei die rechtzeitige Kommunikation mit den Nachbarn möglicher Asylbewerberunterkünfte. Er nannte ein Beispiel aus dem Stadtteil Bärenkeller: Als dort die Unterkunft klargemacht worden sei, habe man umgehend eine Informationsveranstaltung einberufen, zu der über 50 Leuten gekommen waren. Dabei habe es keine bösen Worte gegeben, im Gegenteil, es habe sich ein engagierter Helferkreis gegründet. Die Stadt könne es sich, so Kiefer, finanziell nicht leisten, im größeren Maße Aufgaben des Bundes in der Flüchtlingshilfe zu übernehmen. Man sei vor Jahren bei der Einrichtung einer Unterkunft in der Ottostraße eingesprungen, das solle aber die Ausnahme bleiben. Dabei stellt Kiefer klar: „Eigentlich bräuchten wir doppelt so viele Asylsozialberater in Augsburg.“ Denn ausgeschlossen werden könne auch in Augsburg nicht, dass es irgendwann zu Problemen kommt (Stichwort „Brennende Asylbewerberheime“). „Stand heute“ sehe er die Grundhaltung in der Stadtgesellschaft gut. Aber die Stimmung könne kippen. Probleme in der Nachbarschaft, Neid...es gebe viele Gründe für Unstimmigkeiten.

Eine Dramatik besonderer Art entwickelt sich nach Worten von Kiefer durch so genannte „unbegleitete Minderjährige“: Flüchtlingskinder vorwiegend im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, die als Waisen keine Eltern mehr haben oder die von ihrer Familie fortgeschickt worden sind, um in der Fremde ein besseres Leben führen zu können. Bereits rund 100 Kinder mit diesem Schicksal zähle man in Augsburg, die zunächst in eine Inobhutnahmestelle kommen, bevor sie in einer Wohngruppe leben. Herkunftsländer der Kinder seien beispielsweise Eritrea oder Somalia.

Seit über 20 Jahren arbeitet Matthias Schopf-Emrich in Diensten des Vereins „Tür an Tür“ der evangelischen Diakonie in der Flüchtlingshilfe. Derzeit verzeichne man ein „riesen Spektrum“ der Asylbewerber, aus Eritrea ebenso wie aus Syrien oder dem Irak. Er nannte die Diskussion um Seenotrettung angesichts der jüngsten Ereignisse vorrangig: „Wir müssen uns kurzfristig mit der Situation am Mittelmeer beschäftigen, niemand soll bei der Flucht sterben müssen.“ Schopf-Emrich stellte klar: „Keiner kommt als Flüchtling ohne Hilfe nach Europa.“ Der Weg über das Mittelmeer sei derzeit die billigste Tour, genannt würden Preise von 2500 Euro/Dollar für eine Familie.

Die Flüchtlinge, die in Augsburg ankommen, bräuchten am dringendsten Orientierung und Information. Wichtig sei auch die Vermittlung von Sprachkenntnissen und der Kontakt zu Deutschen. Ebenso gelte es, Strukturen für die Familie zu schaffen etwa durch Arbeit, Kinderbetreuung oder Schule. Günstig wirke es sich auf die Flüchtlinge bestimmter Nationen aus, wenn sie etwa in Augsburg eine „Community“ vorfinden (wie die Eritreer). Sein Fazit: „Materielle Hilfe ist weit weniger wichtig als Ideelles.“

Matthias Schopf-Emrich verzeichnete über die Jahre eine hohe Bereitschaft der Bürger, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Solches Engagement brauche die Nachbarschaft von Unterkünften in Wohngebieten. Als sehr hilfreich erweise sich, wenn Ehrenamtliche von Zuständigen aus Ämtern oder Verbänden begleitet werden. Immer wieder lasse sich dann sehr großes Engagement für Flüchtlinge beobachten, wenn diese bereits länger da sind, Kinder schon in die Schule gehen, die Menschen quasi integriert sind. Bezüglich der Situation für viele Asylbewerber aus dem Balkan (ihre Heimat gilt als sichere Herkunft) zeigte Schopf-Emrich die andere Seite von Flüchtlingsarbeit auf: Obwohl aus dem Balkan junge, gut ausgebildete Menschen nach Deutschland kommen, müsse man diese über ihre Chancenlosigkeit in Asylverfahren informieren.

An das Podiumsgespräch schloss sich eine Aussprache unter den Gästen an, viele von ihnen sind selbst beruflich mit der Asylproblematik befasst. Und noch lange, nachdem das Podium längst verlassen war, wurde weiter intensiv über Themen rund um Flucht und Asyl weiterdiskutiert.

Michael Siegel

 

Aus Uganda nach Augsburg
Der Journalist Moses Okile Ebokorait erzählt von seinem ungewöhnlichen Weg nach Deutschland

Die Geschichte eines Asylanten erzählte im Augsburger Presseclub Moses Okile Ebokorait – seine Geschichte. Der 39-Jährige kam 2009 aus dem zentralafrikanischen Uganda nach Deutschland, nach Augsburg. Ebokorait arbeitete dort als Zeitungs- und Radiojournalist und er geriet in Konflikt mit den Machthabern in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Er habe über die allgegenwärtige Korruption geschrieben, über den korrupten Präsidenten und seine Clique, erzählte der Journalist. Dafür kam er in ein Polizeigefängnis. Weder seine Frau noch seine Kollegen wussten etwas über seinen Aufenthalt. Eine Woche lang lebte er in Gefangenschaft unter diversen Bedrohungen, dann kam er wieder frei. Als Ebokorait 2009 ein Visum nach Deutschland zu einem Weiterbildungskurs bekam, nutzte er die Gelegenheit: In Berlin bat er um politisches Asyl. Dann führte ihn sein Weg nach Augsburg. Der Ugander erinnerte sich: „Der Anfang in Augsburg war schwer, ich hatte ja keine Deutschkenntnisse.“ Bedrückend auch der Umstand, dass es über zweieinhalb Jahre dauerte, bis seinem Asylantrag stattgegeben und er anerkannt wurde. Das war Ende 2012. Inzwischen sind auch seine Frau und sein 18-jähriger Sohn nach Augsburg nachgereist. Hilfe empfing Ebokorait in der Anfangsphase vor allem von Organisationen wie „Tür an Tür“ und von „Reporter ohne Grenzen“. Aus der Nachbarschaft kam weniger Unterstützung: „Die Nachbarn sind nicht so freundlich wie bei uns in Uganda“, beschrieb Ebokorait seine Empfindung, „aber sie machen einem auch keine Schwierigkeiten.“ Pöbeleien, gar Bedrohungen habe er bislang nicht erlebt. Sein Fazit: Er würde wieder so handeln, würde wieder von Uganda nach Deutschland flüchten. „Hier ist Demokratie, hier kann ich schreiben. Nach Uganda kann ich momentan nicht zurückkehren, das ist zu gefährlich“, sagte der 39-Jährige wehmütig.
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