Rabbiner Henry G. Brandt

Jüdisches Leben blüht neu auf

26. 11. 2006

Die jüdische Gemeinde in Augsburgs Halderstraße war bis in die 90erJahren markant überaltert, junge Juden zog es entweder in Städte wieBerlin oder gleich nach Israel. Dass Perestroika und Glasnost denUmschwung auch für Augsburg bringen würden, erwartete niemand. „Vor 20Jahren wären wir dafür ausgelacht worden”, weiß Rabbiner Henry G.Brandt. Heute braucht er keine Angst mehr zu haben, dass seine Gemeindedie Tore schließen muss. Größer als vor 1933 ist die IKGAugsburg-Schwaben, 1300 Mitglieder zählt die Kartei inzwischen.

Eines davon ist Nelli Shyrokova, die bei einer Veranstaltung des Presseclubs zusammen mit anderen aus ihrem Leben berichtete. Als Jüdin ausgerechnet nach Deutschland auszuwandern - für die Ukrainerin ist das kein Widerspruch. „Ich habe Deutschland nicht als Feindesland betrachtet”, sagt sie. „Deutschland hat so viele Pazifisten hervorgebracht, es hat gezeigt, dass es aus der Vergangenheit gelernt hat.” In Augsburg fühlt sie sich frei, deutsche Bekannte zeigen Interesse an ihrem Glauben. 1997 kam sie gemeinsam mit ihrer Tochter aus der Ukraine nach Deutschland. „Ich war mit Russland fertig, dieses ganze System, totale Lüge, keine Zukunft, weder für mich noch für meine Tochter”, erklärt sie. Nach Augsburg zog sie, weil sie von der jüdischen Gemeinde wusste und auf Hilfe hoffte.
Die blonde Frau musste ein neues Leben beginnen, und sie wollte das auch. Ein neues Leben, das ihr die Möglichkeit gibt, ihren Glauben zu praktizieren. „Es hat in den vergangenen zehn Jahren keinen Sabbat gegeben, ohne dass ich zuhause eine Kerze angezündet hätte”, sagt die Ukrainerin. „Meine tiefsten Wünsche sind in Augsburg in Erfüllung gegangen, hier habe ich eine Synagoge, einen Rabbiner.”

Die Lebensläufe der zugewanderten Mitglieder der Kultusgemeinde lesen sich alle ähnlich. In den ehemaligen Sowjetstaaten wurden sie diskriminiert, ihre Religion durften sie nicht ausüben, sie waren Menschen zweiter Klasse.
Vieles, was zu Nelli Shyrokovas Glauben gehört, musste sie erst lernen. Obwohl Jüdin zu sein ihr ganzes Leben bestimmt hat, war sie in einem Religionsvakuum aufgewachsen. Ein Problem, das Henry G. Brandt vor eine große Aufgabe stellt. „Die meisten wissen gar nicht, wie man Religion buchstabiert”, sagt der Rabbiner. „Wir haben es mit einer langen Reihe atheistischer Erziehung zu tun.” Der Geistliche sagt das gelassen. Ihm ist klar, dass das nicht das einzige und bei weitem nicht größte Problem ist, das durch die Zuwanderung entstanden ist. „Integration” - das Schlagwort macht auch vor seiner Synagoge nicht halt, die Gräben zwischen den Nationalitäten will er nicht leugnen. Durch den großen Zustrom aus Osteuropa hat sich eine eigene Gruppe gebildet, die aus dem jüdischen kein deutsches Leben macht. „Der Druck, Deutsch lernen zu müssen, ist fast nicht da”, gibt Brandt zu. Was er in den Messen spricht, wird simultan von einem Dolmetscher ins Russische übersetzt. Von der alten Heimat wollen sich viele Gemeindemitglieder nicht lösen.

So wie Stanislav Kol. Sein halbes Leben hat er in Deutschland verbracht, leitet in Augsburg das Jugendzentrum der jüdischen Gemeinde. Und doch besteht er darauf: „Bei uns Zuhause wird nur Russisch gesprochen.” Der 24-Jährige studiert Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule, von der vielzitierten „bildungsfernen Gruppe” kann bei ihm genauso wie bei der Mehrheit der Gemeindemitglieder nicht die Rede sein.
„Wir könnten die Synagoge mit Ingenieuren pflastern”, meint Rabbiner Brandt schmunzelnd. Gleichzeitig weiß er, dass die Ausbildung der Gemeindemitglieder, die sie in ihrer Heimat genossen haben, in Deutschland wenig wert ist. Der Anteil der Hartz IV-Empfänger innerhalb der IKG ist enorm.

Ein paar kleinere Wunder sind noch nötig, um das große Wunder jüdischen Lebens in Augsburg strahlen zu lassen. „Aber wir müssen uns eben den sozialen Realitäten stellen”, sagt Brandt: „Es gibt keine Alternativen.”

Text: Margit Hufnagel (Augsburger Allgemeine)

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